/ von Jen

Vergolden: So spannend ist der alte Handwerksberuf

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Kerstin Wilkens vergoldet in ihrem Atelier Kommoden, Bilderrahmen und Vasen. Ich habe mit ihr über das Handwerk und die vielen Möglichkeiten gesprochen.

Bevor das Gold auf den alten Spiegel oder die antike Kommode aufgetragen wird, vergeht ziemlich viel Zeit. Mitunter 15 Arbeitsstunden, bis überhaupt das feine Blattgold ins Spiel kommt. Kerstin Wilkens arbeitet dafür mit alten Rezepturen wie vor 500 Jahren. “Das ist für mich der Reiz daran. Es gibt mittlerweile Techniken auf Acrylbasis, aber meine Leidenschaft liegt darin, dass ich alles selbst per Hand anmische.”

Vergolden Ein altes Buffet mit neuem Goldbesatz. Vorher war es es dunkelbraun ©Privat

Kerstin Wilkens fand erst spät zur Vergolderkunst. Als Erzieherin war sie nicht mehr glücklich. Schließlich war es die Liebe zu alten Möbeln, die sie als Tochter eines Restaurateurs in sich trägt, und eine Zufallsbekanntschaft, die sie zu dem alten Handwerk brachte. Drei Jahre Ausbildung und eine Gesellenprüfung später tingelte sie mit IKEA-Rahmen, die sie eigenhändig vergoldete, über die Märkte. Heute hat sie ein eigens Atelier und kann mit ihrer Firma “Blattgoldart” von der Kunst leben. “Im Moment habe ich ganz viel mit Biedermeier-Kommoden zu tun. Die stehen hier bei den Norddeutschen im Keller und niemand will die haben, weil sie so dunkel sind. Und die gestalte ich ganz neu um, in helleren Farben oder Animal Paint. Ich versuche, sie den Menschen wieder schmackhaft zu machen, weil das wirklich tolle Tischlerarbeit ist. Ich finde es so schade, dass sie im Keller vermodern, denn wenn man sich so etwas heute beim Tischler anfertigen lässt, würde das mindestens 2000 Euro kosten. Und so versuche ich mit meinem Handwerk – mit Brokatmalerei, Marmorierung und Illusionsmalerei – ihnen einen modernen Look zu geben.”

Vergolden Zum Vergolden gehört auch die Fassmalerei: Dabei wird auf das Möbelstück ebenfalls Kreidegrund aufgetragen, dann wird es gestrichen ©Privat Vergolden Der Fisch ist eine Auftragsarbeit für ein Restaurant
©Privat

Wenn Kerstin Wilkens an den mitunter antiken Möbelstücken arbeitet, schallt klassische Musik durch ihr Atelier am Großensee. Am liebsten arbeitet sie nachts. Und braucht dafür ganz besondere Materialien und bestimmtes Werkzeug: Als Brücke zwischen dem Möbelstück und dem Gold dient Kreidegrund. Den mischt sie aus Leim und Kreide selbst an. Dann muss alles 24 Stunden ruhen bis sie ihn Schicht für Schicht aufträgt. Auf 1zehn Schichten Kreidegrund folgt dann eine braune Masse aus Tonerde und Gelatine. Erst dann folgt der für sie schönste Teil der Arbeit: das Auftragen des hauchdünnen Blattgolds. Mit ganz viel Fingerspitzengefühl und dem Anschießer, einem feinen Pinsel auf Fehhaar vom Eichhörnchen, legt sie das wertvolle Material auf die vorbereiteten Stellen.

Erst wenn das Gold nach dem Trocknen glattgestricken und mit dem Achatstein auf Hochglanz poliert wurde, kann sie sehen, ob sie alles richtig gemacht hat. Ihre Technik bringt Kerstin Wilkens auch anderen bei. Wer mag kann bei ihr ein Wochenend-Seminar im Vergolden machen und persönliche Stücke selbst restaurieren. “Das Material ist dann kein richtiges Gold, sondern Kompositionsgold für den Hobbygestalter. Mein Ziel ist, dass die Leute nach dem Tag zufrieden nach Hause gehen und das sofort umsetzen können, zum Beispiel an einem Bilderrahmen. Es geht nicht darum, eine hochwertige Polymentvergoldung herzustellen, sondern mit einfachen Materialien kreativ zu sein.”

Nach einem zweistündigen Gespräch mit Kerstin Wilkens hat mich die Lust auf dieses Seminar definitv gepackt. Einen alten IKEA-Spiegel hätte ich dafür natürlich.

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4Kommentare

  • Das klingt nach einem wundervollen und künstlerischen Beruf. Vielen Dank für den spannenden Beitrag! :-) Liebe Grüße, Kathreen von “Mach mal”

  • Liebe Kathreen, vielen Dank für das Lob. Ich überleg auch schon die ganze Zeit, ob ich mal ein Seminar belegen sollte…LG Jen

  • Sehr spannend. Mich faszinieren solche alten Handwerke sehr. Was da in so einem Möbelstück an Arbeit drinsteckt…beeindruckend. Und schön zu sehen, wie man so aus seiner Leidenschaft einen Beruf machen kann.

  • Diese Möbelstücke mit goldenen Teilen geben ein echt aristokratisches Gefühl, auch wenn es nur ein bisschen ist. Schade dass man heutzutage das total vermeidet, oder überflüßig verwendet.
    LG
    Noah

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